Reflexionsjournal
Emotionale Kompetenz
Dein persönliches Lernbegleitheft – mit Kernwissen aus dem E-Learning und Raum für deine eigenen Gedanken, Erkenntnisse und Reflexionen.
Emotionale Kompetenz
Emotionale Kompetenz ist keine Eigenschaft, die du hast oder nicht hast. Sie ist eine Fähigkeit, die du entwickeln und trainieren kannst – und sie ist für deine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht nur hilfreich, sondern entscheidend.
Wer seine eigenen Gefühle kennt und benennen kann, versteht sich selbst besser und kann anderen mitteilen, wie es ihm oder ihr geht. Das ist die Basis für gelingende Beziehungen, Konfliktlösung und seelische Gesundheit.
Die Forscherin Carolyn Saarni (1999) beschreibt acht Schlüsselfertigkeiten emotionaler Kompetenz:
- 1Sich der eigenen Gefühle bewusst sein – auch dann, wenn man mehrere widersprüchliche Gefühle gleichzeitig erlebt.
- 2Emotionen von anderen wahrnehmen können – einfühlsam auf die Gefühle der Menschen eingehen, mit denen man arbeitet.
- 3Gefühle verbal und nonverbal ausdrücken können – das eigene Erleben authentisch in Sprache und Körper zeigen.
- 4Empathisch auf andere reagieren können – die Perspektive anderer einnehmen und emotional mitgehen.
- 5Eigene Emotionen so regulieren, dass sie nicht verletzend wirken – innere Steuerung bei starken Gefühlen.
- 6In einer Situation geltende emotionale Ausdrucksregeln berücksichtigen – kontextsensibel handeln.
- 7Bewusstsein, dass Beziehungen von emotionaler Kommunikation bestimmt werden.
- 8Fähigkeit zur emotionalen Selbstwirksamkeit – das eigene Gefühlsleben als gestaltbar erleben.
„Als allererstes muss man seinen Gefühlen nah sein; man muss fähig sein, sie wahrzunehmen. Dann muss man gewillt sein, das Risiko einzugehen, sie mitzuteilen, und zwar so, wie sie in uns sind, ohne sie als Urteile zu verkleiden und ohne sie anderen Leuten zu unterstellen."
Das Gefühlsrad geht auf den Psychologen Robert Plutchik (1980) zurück. Es geht von acht grundlegenden Emotionen aus und zeigt, wie Gefühle miteinander verbunden sind und wie sie in ihrer Intensität variieren. Im äußeren Ring sind Mischgefühle dargestellt. Das Modell hilft dabei, den eigenen emotionalen Wortschatz zu erweitern und Gefühle differenzierter zu benennen – eine wichtige Grundlage für emotionale Kompetenz.
| Grundemotion Intensiv (Kern) |
Nuance Mittlere Intensität |
Mischgefühl Geringste Intensität |
|---|---|---|
| 😊 Freude | Begeisterung | Heiterkeit |
| 🌱 Erwartung | Optimismus | Interesse |
| 😤 Wut | Aggressivität | Ärger |
| 🤢 Ekel | Verachtung | Langeweile |
| 😢 Trauer | Reue | Kummer |
| 😨 Angst | Enttäuschung | Nachdenklichkeit |
| 😲 Überraschung | Ehrfurcht | Besorgnis |
| 🤝 Vertrauen | Liebe | Akzeptanz |
Gefühle als Wegweiser zu den Bedürfnissen
Gefühle sind keine Störungen, sondern Signale. Sie zeigen uns, welche Bedürfnisse gerade erfüllt oder unerfüllt sind. Wer lernt, Gefühle als Wegweiser zu lesen, gewinnt Zugang zu den dahinterliegenden Bedürfnissen – bei sich selbst und bei anderen.
Dieses Konzept geht auf die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg zurück: Gefühle entstehen nicht durch das Verhalten anderer Menschen, sondern durch unsere eigenen Bedürfnisse, die durch eine Situation berührt werden. Ich trage Verantwortung für meine eigenen Gefühle – und habe damit auch Handlungsspielraum.
Für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ergibt sich daraus eine entscheidende Verschiebung: Statt zu fragen „Was hat das Kind schon wieder getan?", hilft es zu fragen: „Was braucht dieses Kind gerade?" Verhaltensauffälligkeiten sind oft der sichtbare Ausdruck eines unerfüllten Grundbedürfnisses.
→ Fokus auf das Verhalten des Kindes. Die eigene emotionale Reaktion und das dahinterliegende Bedürfnis bleiben unbeleuchtet.
→ Fokus auf das eigene Erleben und das dahinterliegende Bedürfnis. Handlungsspielraum entsteht.
Wut / Ärger: oft ein Bedürfnis nach Respekt, Fairness oder Gehörtwerden ist unerfüllt.
Angst / Besorgnis: oft ein Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung oder Kontrolle ist unerfüllt.
Trauer / Kummer: oft ein Bedürfnis nach Verbundenheit, Zugehörigkeit oder Verlust von etwas Wertvollem.
Erleichterung / Freude: oft ein Bedürfnis nach Sicherheit, Gelingen oder Verbundenheit ist erfüllt.
Wenn du schreibst „Die Mutter fühlt sich bevormundet", dokumentierst du keine Emotion, sondern eine Interpretation. Wenn du stattdessen schreibst „Die Mutter wirkte frustriert und eingeengt", bleibst du näher am Beobachtbaren – und machst deine Einschätzung nachvollziehbarer.
Gefühlsähnliche Bewertungen
Nicht alles, was wir als Gefühl bezeichnen, ist auch ein echtes Gefühl. Gefühlsähnliche Bewertungen klingen wie Gefühle, beschreiben aber eigentlich eine Interpretation des Verhaltens anderer – was wir glauben, dass jemand uns antut oder mit uns macht.
Marshall B. Rosenberg hat in der Gewaltfreien Kommunikation diesen Unterschied herausgearbeitet: Wer echte Gefühle benennt, übernimmt Eigenverantwortung für das eigene Erleben. Wer Bewertungen als Gefühle formuliert, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Verhalten des anderen – und das Gegenüber geht schnell in die Defensive.
Eine einfache Faustregel: Wenn du nach „Ich fühle mich …" ein Wort einsetzen kannst, das eine Handlung oder Haltung einer anderen Person beschreibt, ist es wahrscheinlich eine gefühlsähnliche Bewertung. „Ich fühle mich manipuliert" sagt etwas über den anderen – „Ich bin verunsichert" sagt etwas über dich.
Enthält eine Schuldzuweisung: Jemand schuldet mir Respekt und gibt ihn mir nicht. Das beschreibt das Verhalten des anderen.
Beschreibt, was tatsächlich in mir vorgeht. Von hier aus kann ich fragen, was ich brauche: Anerkennung? Gehörtwerden?
Impliziert, dass jemand anderes dafür verantwortlich ist, wie es mir geht. Verschließt das Gespräch.
Beschreibt den inneren Zustand ohne Anklage – öffnet Gespräche statt zu schließen.
Psychologische Grundbedürfnisse
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan (1985, 2000) beschreibt drei universelle psychologische Grundbedürfnisse, die für Motivation, Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung entscheidend sind – für Kinder und Jugendliche genauso wie für Fachkräfte. Sind sie erfüllt, entstehen Energie und Offenheit. Werden sie dauerhaft vernachlässigt, entstehen Frustration, Rückzug oder Demotivation.
Das Bedürfnis, selbstbestimmt zu handeln, Entscheidungen zu treffen und das eigene Leben aktiv mitzugestalten – auch in kleinen Dingen.
In der Praxis stärken:
- Echte Wahlmöglichkeiten anbieten
- Begründungen geben statt Anweisungen
- Eigene Ideen des Kindes aufgreifen
- Auch kleine Entscheidungen ernst nehmen
Das Bedürfnis, sich wirksam zu erleben, Herausforderungen zu meistern und die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.
In der Praxis stärken:
- Aufgaben mit realem Erfolgspotenzial
- Fortschritte sichtbar machen
- Konkrete, echte Rückmeldung geben
- Fehler als Teil des Lernens rahmen
Das Bedürfnis nach echten, tragenden Beziehungen und dem Erleben von Zugehörigkeit und Verbundenheit.
In der Praxis stärken:
- Verlässlich und berechenbar anwesend sein
- Echtes Interesse am Kind zeigen
- Zugehörigkeit aktiv gestalten
- Konflikte lösen ohne Beziehung zu gefährden
- Kinder und Jugendliche fühlen sich motiviert und lernbereit
- Innere Stärke und Resilienz entwickeln sich
- Eigeninitiative und Kreativität entstehen
- Vertrauen in Beziehungen wächst
- Positive Emotionen überwiegen im Alltag
- Frustration, Demotivation oder Rückzug entstehen
- Lernbereitschaft nimmt ab
- Auffälliges oder kompensatorisches Verhalten kann zunehmen
- Beziehungsvertrauen schwindet
- Langfristige Auswirkungen auf Wohlbefinden und Entwicklung
Selbstempathie und Selbstmitgefühl
Die Psychologin Kristin Neff (2011) beschreibt Selbstmitgefühl als die Fähigkeit, sich selbst gegenüber genauso fürsorglich zu sein, wie man es gegenüber einem guten Freund oder einer guten Freundin wäre. Selbstkritik und Selbstverurteilung sind keine Motivation – sie behindern uns. „Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich selbst gegenüber nachsichtig zu sein. Es bedeutet, sich selbst gegenüber menschlich zu sein." Selbstmitgefühl lässt sich trainieren – auch mitten im Berufsalltag.
Selbstmitgefühl besteht aus drei Elementen, die zusammenwirken:
Wahrnehmen, was ist – ohne zu urteilen oder wegzuschieben. Im Kontakt bleiben mit dem eigenen Erleben im gegenwärtigen Moment, ohne sich darin zu verlieren oder es zu verdrängen.
Erkennen, dass Leiden, Scheitern und Unzulänglichkeit universell menschlich sind. Du bist nicht allein mit dem, was dich belastet. Schwierigkeiten gehören zum Leben aller – das verbindet uns.
Sich selbst mit Wärme und Verständnis begegnen – statt mit harter Selbstkritik. Genauso, wie man einer guten Freundin in einer schwierigen Situation begegnen würde.
Die RAIN-Methode wurde von der Meditationslehrerin Tara Brach bekannt gemacht und wird in Therapie, Achtsamkeitspraxis und Alltag eingesetzt, um emotionale Stabilität und Selbstmitgefühl zu fördern. Sie unterstützt dabei, aus automatischen Reaktionsmustern auszusteigen und bewusst im gegenwärtigen Moment zu bleiben. RAIN kann jederzeit angewendet werden – auch kurz vor einem schwierigen Gespräch oder nach einem belastenden Einsatz.
Erkennen: Nimm wahr, welche Emotionen, Gedanken oder körperlichen Empfindungen gerade in dir präsent sind – ohne sie zu bewerten.
Erlauben: Lass diese Gefühle da sein, ohne sie zu verdrängen oder zu bekämpfen. Akzeptiere sie als Teil deines Erlebens.
Untersuchen: Erforsche die Emotionen mit Neugier. Welche Bedürfnisse oder inneren Konflikte stehen dahinter?
Pflegen: Setze Selbstfürsorge um – durch einen Spaziergang, ein Gespräch, Journaling oder bewusstes Atmen.
Selbstfürsorgeplan
Selbstfürsorge ist keine Schwäche und kein Luxus, sondern eine professionelle Notwendigkeit. Wer dauerhaft für andere da ist, braucht Strategien, um sich selbst zu regenerieren und zu stabilisieren. Ohne das steigt das Risiko von Burnout, emotionaler Erschöpfung und Mitgefühlsmüdigkeit – und damit auch das Risiko, dass die Qualität der eigenen Arbeit leidet.
Wichtig dabei: Nicht nur in Krisenzeiten auf Selbstfürsorge zurückgreifen, sondern sie präventiv und regelmäßig verankern – als Routine, nicht als Notfallmaßnahme. Dabei muss es keine großen Maßnahmen brauchen: Kleine, konsequent praktizierte Rituale wirken nachhaltig.
Im E-Learning wurden acht konkrete Mikropraktiken vorgestellt – kurze, alltagstaugliche Übungen, die du direkt in deinen Wochenplan einbauen kannst:
- Bequeme Sitzposition einnehmen, kurz die Augen schließen.
- Fragen: Was nehme ich gerade wahr – Gedanken, Gefühle, Körpersignale?
- Aufmerksamkeit auf den Atem richten: 4 Sek. ein, 4 Sek. aus.
- Aufmerksamkeit weiten auf den ganzen Körper und wieder in den Raum kommen.
- Eine Hand aufs Herz legen – die Wärme spüren.
- Innerlich sagen: „Das ist gerade schwer. Das gehört zum Leben."
- Fragen: Was würde ich einer guten Freundin sagen, der es gerade so geht?
- Genau diese Worte an sich selbst richten.
- Aufrecht hinsetzen, Füße flach auf dem Boden.
- Aufmerksamkeit von den Füßen langsam nach oben wandern lassen.
- Spannungen in Beinen, Bauch, Schultern, Kiefer bemerken – ohne zu bewerten.
- Bei jeder Ausatmung: Spannung bewusst ein wenig loslassen.
- Notizbuch oder Handy zur Hand nehmen.
- Drei Dinge aufschreiben, die heute gut waren – auch Kleinigkeiten zählen.
- Einen Moment bei jedem Punkt innehalten und es wirklich fühlen.
- Optional: Was hat dazu beigetragen? Wem möchtest du danken?
- Aufstehen und kurz Hände, Arme und Schultern ausschütteln.
- 5–10 Minuten spazieren – draußen wenn möglich.
- Bewusst durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen.
- Gedanken kommen und gehen lassen, ohne sie festzuhalten.
- Fragen: Was hat mich heute besonders Energie gekostet?
- War das nötig – oder hätte ich es anders regeln können?
- Einen konkreten Satz formulieren: „Morgen sage ich Nein, wenn …"
- Aufschreiben oder laut aussprechen.
- Einen ruhigen Ort suchen, hinsetzen.
- Das Handy weglegen – komplett.
- Aus dem Fenster schauen oder die Augen schließen.
- Einfach nichts tun. Für zwei Minuten. Das ist genug.
- Frei schreiben: Was hat mich heute beschäftigt?
- Was möchte ich mitnehmen – und was bewusst hier lassen?
- Was habe ich heute gut gemacht? (Mindestens eine Sache!)
- Notizbuch schließen – als Symbol: der Arbeitstag ist vorbei.
In fünf Schritten zur Emotionalen Kompetenz
Emotionale Kompetenz ist kein Endzustand, sondern ein Prozess. Dieses Modell zeigt, wie sich die Fähigkeit im Umgang mit Emotionen aufbaut – von der ersten Wahrnehmung bis zum gezielten Einsatz in der Arbeit mit anderen. Es verbindet Konzepte der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, Erkenntnisse zur Emotionsregulation und das Selbstmitgefühl nach Kristin Neff (2011).
- 1Eigene erlebte Gefühle identifizieren: Gefühle differenzieren, indem du deinen emotionalen Wortschatz erweiterst. Die Gefühle der Menschen um dich herum lesen und dich auf ihre Bedürfnisse, Stimmungen und Erwartungen einstellen.
- 2Ursprung der Gefühle verstehen: Bei negativen Gefühlen sind häufig eigene Bedürfnisse nicht befriedigt – das ist der Hebel. Emotionen bewusst machen: Wer oder was nährt meine positiven Gefühle? Wem sollte ich den Grund für meine Emotionen mitteilen, damit sie mich besser verstehen?
- 3Auf Emotionen reagieren: Konstruktiv auf positive und negative Emotionen reagieren. Die Situation wertfrei beschreiben und Verantwortung für eigene Emotionen übernehmen. Gefühle mitteilen und begründen – und wenn nötig: eine konkrete Lösung vorschlagen.
- 4Erlebte Emotionen regulieren: Emotionen wohlwollend akzeptieren – nicht unterdrücken. Sie neugierig, aber mit Distanz betrachten. Die Intensität reduzieren und nüchtern entscheiden. Emotionen rational neu bewerten (vgl. ABC-Modell, Thema 8).
- 5Emotionen richtig nutzen und einsetzen: Etwas Wohltuendes tun, um die eigene Situation aktiv zu verändern. Und: Emotionen anderer Menschen gezielt und bewusst ansprechen – z. B. Selbstkompetenz und Selbstwert bei Kindern durch Wertschätzung stärken.
Schritt 1 & 2 im Alltag: Wenn du nach einem schwierigen Gespräch merkst, dass du angespannt bist – benenne das Gefühl innerlich. „Ich bin frustriert." Und frage: Welches Bedürfnis steckt dahinter?
Schritt 5 im Kontakt mit Kindern: Durch gezielte Wertschätzung kannst du bei Kindern Gefühle von Selbstwirksamkeit auslösen – das ist keine Manipulation, sondern professionelle Beziehungsgestaltung.
Projektion – Das ABC-Modell nach Ellis
Im Alltag nehmen wir oft an: Die Situation hat dieses Gefühl ausgelöst. Albert Ellis (1962), einer der Begründer der Kognitiven Verhaltenstherapie, schlug mit seinem ABC-Modell eine andere Lesart vor: Zwischen der Situation und dem Gefühl liegt eine Zwischenschicht – die Bewertung. Nicht A (das Ereignis) verursacht direkt C (das Gefühl), sondern B (die Bewertung) beeinflusst entscheidend, was wir fühlen und wie wir handeln.
Das eröffnet Handlungsspielraum: Wenn wir unsere Bewertungen und Interpretationen bewusst machen und verändern können, verändert sich auch unsere emotionale Reaktion. Epiktet formulierte es so: „Menschen werden nicht durch die Dinge selbst beunruhigt, sondern durch ihre Sicht der Dinge."
Das Modell öffnet auch den Blick auf Projektion: Eigene, nicht integrierte Persönlichkeitsanteile können unbewusst auf das Gegenüber übertragen werden. Blinde Flecken entstehen, wenn bestimmte Bewertungen so automatisch und tief verankert sind, dass wir sie gar nicht mehr als Bewertung wahrnehmen – sondern als Realität. Supervision und Fallbesprechung sind die professionellen Orte, um solche Muster aufzudecken.
Der Auslöser – was ist objektiv passiert? Nur die Fakten, ohne Interpretation. Was hätte eine Kamera aufgenommen? Das A bleibt möglichst frei von Deutungen und Annahmen über Motive.
Die Bewertung – was hast du in diesem Moment gedacht? Was war dein erster, automatischer Gedanke? Welche Bedeutung hast du der Situation gegeben? Hier passiert das Entscheidende.
Die Konsequenz – Gefühl und Verhalten folgen aus B, nicht aus A. Das bedeutet: Derselbe Auslöser kann zu völlig verschiedenen Reaktionen führen – je nach Bewertung.
Projektion – Übertragung und Gegenübertragung
Die Konzepte Übertragung und Gegenübertragung stammen aus der Psychoanalyse und sind für alle helfenden Berufe relevant. Sie wurden u. a. von Thorsten Storck (2025) für das Feld der Kinder- und Jugendhilfe aufbereitet.
Übertragung: Ein Kind oder Jugendlicher überträgt Gefühle, Erwartungen und Beziehungsmuster aus früheren Beziehungen – vor allem mit primären Bezugspersonen – auf aktuelle Fachkräfte. Das Kind reagiert nicht auf dich als Person, sondern auf das, was du in ihm auslöst. Ein Jugendlicher, der allen Erwachsenen mit Misstrauen begegnet, hat dieses Muster nicht aus der Luft gegriffen – er hat es in seiner Geschichte gelernt.
Gegenübertragung: Du als Fachkraft reagierst – oft unbewusst – mit eigenen Gefühlen und Mustern auf das Kind. Diese Reaktionen sind keine Fehler, sondern wertvolle Informationen über das Kind und über dich selbst. Wenn du auf eine Person ungewöhnlich stark reagierst – positiv wie negativ – lohnt es sich zu fragen: Was spricht das in mir an?
Szenario 1 – Das Kind, das keine Grenzen kennt: Leon, 8, unterbricht beim Hausbesuch wiederholt, fordert lautstark Aufmerksamkeit, die Mutter reagiert entschuldigend. In dir zieht sich etwas zusammen. – Frage: Woher kommt dieser Ärger wirklich? Über das, was du siehst – oder auch über das, was es in dir auslöst?
Szenario 2 – Der Jugendliche, der alles ablehnt: Tarek, 16, sitzt schweigend da, verschränkte Arme, einsilbige Antworten. Nach zehn Minuten wächst deine Frustration und der Impuls, aufzugeben. – Mögliche Lesart: Sein Schweigen könnte bedeuten „Ich habe gelernt, dass Erwachsene mich enttäuschen." Wenn du das Gefühl entwickelst, nicht gut genug zu sein – woher kommt das?
Szenario 3 – Das Kind, das du besonders magst: Auch starke positive Reaktionen können Gegenübertragungen sein. Wenn du ein Kind besonders schützen oder bevorzugen willst, kann es sein, dass du eigene Themen in es projizierst. Auch das trübt die professionelle Wahrnehmung.
Wenn eine Reaktion eines Kindes unverhältnismäßig stark wirkt: Was überträgt es gerade? Was aus seiner Geschichte spricht durch dieses Verhalten?
Wenn du selbst ungewöhnlich stark reagierst: Was spricht das in mir an? Das ist deine Gegenübertragung als Informationsquelle – keine Schwäche.
Supervision und Fallbesprechung sind die professionellen Orte, um solche Dynamiken zu reflektieren und produktiv zu nutzen.
Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche
Emotionale Kompetenz ist keine rein persönliche Fähigkeit. Sie hat direkte Auswirkungen auf die Menschen, mit denen du arbeitest – besonders auf Kinder und Jugendliche. Wie du mit deinen eigenen Gefühlen umgehst, ist für sie sichtbar und erlebbar.
Daniel J. Siegel und Tina Payne Bryson (2012) beschreiben in „Achtsame Kommunikation mit Kindern", wie das Nervensystem von Kindern auf das der Bezugsperson reagiert: Wenn Bezugspersonen reguliert und präsent sind, können Kinder sich co-regulieren – ihren eigenen Stress besser bewältigen. Das Nervensystem ist kein geschlossenes System; es ist ständig in Kontakt mit den Nervensystemen der Menschen um uns herum.
Das bedeutet: Die ruhigste Person im Raum hat einen großen Einfluss durch das, was sie ausstrahlt. Emotionale Kompetenz von Fachkräften ist daher kein Selbstzweck, sondern ein aktiver Schutzfaktor für die Kinder und Jugendlichen, die sie begleiten.
- Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern werden gestärkt
- Kinder entwickeln ein besseres Verständnis für eigene Gefühle
- Kinder sehen, wie man konstruktiv mit Gefühlen umgeht – Vorbildfunktion
- Kinder lernen, dass Emotionen normal und legitim sind
- Kinder können eigene Gefühle besser benennen und einordnen
- Konflikte werden erfahrbar als etwas, das sich lösen lässt
- Kinder übernehmen die Anspannung der Fachkraft – oft unbewusst
- Das Sicherheitsgefühl des Kindes sinkt, auch ohne sichtbaren Auslöser
- Kinder lernen: Gefühle sind unkontrollierbar oder gefährlich
- Beziehungsqualität leidet, weil Kinder sich anpassen statt zu öffnen
- Bei Kindern mit schwieriger Bindungsgeschichte verstärken sich alte Muster
Nimm dir zwei Minuten, bevor du die Tür öffnest oder das Schulgelände betrittst. Was du mit in den Raum bringst, spüren die anderen – noch bevor du etwas sagst.
Im Moment der Eskalation: Stimme senken, nicht heben. Langsamer sprechen. Ruhiger werden als die Situation. Dein Nervensystem lädt das Nervensystem des Kindes ein, sich anzupassen.
Wenn du sagst: „Das hat mich gerade überrascht, ich brauche einen Moment" – zeigst du dem Kind: Gefühle sind benennbar und handhabbar. Das ist gelebtes Modelllernen.
Meine Gesamtreflexion
Du hast den gesamten Kursabschnitt zu Emotionaler Kompetenz durchgearbeitet. Nimm dir einen Moment, um das Gelernte als Ganzes zu betrachten – ohne Druck, alles perfekt zusammenzufassen.
Was ist meine wichtigste Erkenntnis aus dem gesamten Kursabschnitt? Was nehme ich konkret mit in meinen Arbeitsalltag – als Haltung, Methode oder Vorhaben? Gibt es etwas, das mich beim Durcharbeiten überrascht hat oder das mich noch beschäftigt?- Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. Plenum. — Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory. American Psychologist, 55(1), 68–78.
- Ellis, A. (1962). Reason and emotion in psychotherapy. Lyle Stuart. [ABC-Modell / Rational-Emotive Verhaltenstherapie]
- Kluge, K.-J., & Schmidt, M. (2020). Zu DRITT zum Schülererfolg.
- Neff, K. (2011). Self-compassion: The proven power of being kind to yourself. William Morrow. [Selbstmitgefühl, drei Elemente, RAIN-Methode]
- Plutchik, R. (1980). Emotion: A psychoevolutionary synthesis. Harper & Row. [Gefühlsrad]
- Rogers, C. R. (1961). On becoming a person. Houghton Mifflin.
- Rosenberg, M. B. (2004). Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Junfermann. [Gefühle als Wegweiser, echte Gefühle vs. Bewertungen]
- Saarni, C. (1999). The development of emotional competence. Guilford Press. [Acht Schlüsselfertigkeiten]
- Siegel, D. J., & Bryson, T. P. (2012). Achtsame Kommunikation mit Kindern. Arbor Verlag. [Co-Regulation, Auswirkungen auf Kinder]
- Storck, T. (2025). Übertragung und Gegenübertragung. Hogrefe.